Allgemein Tibet

Das verbotene Team: Frauenfussballerinnen aus Tibet

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.5.14, Fabian Weiss, Dharamsala –

Die Mädchen vom Bolzplatz haben einen Traum –

Eine richtige Nationalmannschaft der Frauen kann Tibet nicht haben. Aber das Fussball-Team von jungen Exiltibeterinnen, das von einer Amerikanerin trainiert wird, ist ziemlich nah dran. In Sachen Stolz sowieso.

Es ist schwül und feucht in Dharamsala, der Stadt im Norden Indiens, die schon seit einem halben Jahrhundert die Heimat des Dalai Lama im Exil ist. Dicke Wolken ziehen träge über die bis zu 4000 Meter hohen Berge. Cassie Childers sitzt entspannt auf der Dachterrasse eines Restaurants an der Hauptstrasse der Oberstadt. Über einem Ingwertee erzählt sie mit leuchtenden Augen von der Entstehung eines Traumes. Ihres Traumes. Des Traumes von einer gerechteren Gesellschaft und besseren Lebensbedingungen für die Frauen der Gemeinde der Exiltibeter hier, die noch immer zutiefst patriarchalisch ist. Aber Childers verfolgt eine etwas andere Strategie als die Mehrheit der vielen ausländischen Helfer.

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Seit ein paar Jahren verbringt die ehemalige Geschichtslehrerin, 32, nun schon einen Grossteil ihres Lebens im nördlichen Bundesstaat Himachal Pradesh. Am Anfang war sie gekommen, um Buddhismus zu studieren. Ihre Pläne änderten sich schnell, aber einfach war es nicht. Childers ist Amerikanerin, aus New Jersey.

Sie klingt gekränkt, wenn sie von der Vergangenheit erzählt. Wenn sie von 2011 spricht. Von dem Jahr, in dem sie angefangen hat, tibetischen Mädchen das Fussballspielen beizubringen. „Ach, tibetische Mädchen wollen doch nur Kartoffelchips essen!“, hätten die Leute ihr erst mal gesagt. Und dass sie keine Tibeterinnen in Shorts sehen wollten.

Fast wie bei einem Schulausflug

Steilpass in die Gegenwart, Februar 2014. Childers steht mit 16 tibetischen Mädchen am Flughafen von Delhi. Aus allen Regionen des Landes sind sie zusammengekommen – von der grossen Gemeinschaft der Exiltibeter im Süden und aus der Hauptstadt; eine Spielerin ist sogar aus den Bergen von Ladakh im Himalaja eingeflogen.

Das Team ist auf dem Weg nach Imphal im Bundesstaat Manipur. Das Ziel: der Fussballplatz, auf dem in einigen Tagen das „Ladies Spring Soccer Tournament“ stattfinden wird. Es ist das erste offizielle Turnier, an dem die tibetische Frauenmannschaft teilnimmt. Einer der Meilensteine, auf den Coach Childers über drei Jahre lang hingearbeitet hat.

Es sieht, so wird sich die Trainerin später erinnern, fast wie ein Schulausflug aus. Nur etwas geordneter. Die Mannschaft ist ausgerüstet mit Bällen, Sporttaschen und einem Haufen weisser Trikots, auf denen in grosser, verschnörkelter Schrift „Tibet“ auf der Rückseite steht. Aufgeregt und kichernd wartet die Gruppe junger Mädchen vor dem Check-in. Als sie zum Zollbeamten kommen, sieht dieser die Mannschaft misstrauisch an. „Ihr fliegt nach Manipur?“, fragt er prüfend. „Als Fussballteam?“ Auf das antwortende Nicken fängt der Beamte langsam an zu grinsen. Nach einer gewollten Pause fügt er hinzu: „Ich komme selbst aus Manipur. Gegen unser Team werdet ihr keine Chance haben!“

„Wir hatten Angst, richtig Angst!“

Keine Chance. Diese zwei Worte hat sich das Team in den letzten Wochen und Monaten schon öfter anhören müssen. Denn Manipur ist der Geburtsort des indischen Fussballs. Der Bundesstaat im Nordosten Indiens hat sich nicht wie der Rest des Landes mit Leib und Seele auf Kricket gestürzt. Stattdessen hat er schon früh den Fussball für sich entdeckt. Sogar noch bevor die Region Teil Indiens wurde. Denn bis 1947 war Manipur noch ein eigenständiges Königreich; nach der Unabhängigkeit Indiens ist es mit einem fragwürdigen Vertrag in die Arme des grossen Bruders gezogen worden. Schnell annektiert. Aber bis heute bewahren sich die Bewohner noch ihre Eigenheiten, sehen sich als etwas anderes. Vielleicht sogar als etwas Besseres.

Und zumindest im Fussball haben sie damit auch recht. Denn die Frauenmannschaft des Bundesstaats Manipur gewann bisher 20 der 22 nationalen Turniere und stellt mehr als die Hälfte der Spieler des indischen Nationalteams.

„Wir hatten Angst, richtig Angst!“, wird Childers berichten. „Denn wir trainieren erst seit drei Jahren. Die Mädels von Manipur starten aber schon im Alter von fünf Jahren.“ Zudem sind die meisten Spielerinnen um einige Jahre älter: Der Durchschnitt der U-20-Mannschaft von Manipur liegt bei 19 Jahren. „Unsere Mädchen“, so die Amerikanerin, „sind gerade mal 16 Jahre alt – zwei der Stars sogar erst 13!“

Das Ziel des Turniers vor Augen, haben sich die tibetischen Kickerinnen zuvor einen Monat lang während eines Trainingscamps in Dharamsala vorbereitet. Der Gasttrainer: der frühere englische Ligaspieler Shane Kidby. Man praktiziert das schon über drei Jahre erprobte Konzept: eine Mischung aus Yoga, Meditation und Vorträgen zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Und natürlich Fussball. „Dieses Mal haben wir richtig hart gearbeitet“, so Childers später. „Wir wollten das Beste aus dem Monat machen. Wir wollten zeigen, was wir draufhaben! Vor allem Ngawang. Die nahm das Ganze wirklich sehr ernst!“

„Fussball hat mein Leben verändert“

Ngawang Lhadon ist 14 Jahre alt. Ihre Haare trägt sie kurz. Sie kommt aus dem Bundesstaat Ladakh. Die kleine Tibeterin stammt aus einer einfachen Familie eines Dorfes ausserhalb der Hauptstadt Leh. Auf ihren Beinen hat sie sich das Wort „Footballer“ selbst mit einer Klinge eingeritzt. Darunter steht mit einem schwarzen Filzstift „Rock“ geschrieben – mit einem grossen Ausrufezeichen dahinter.

Ngawang war eine der Ersten, die vor drei Jahren vom „Tibetan Children’s Village“ zum Fussballtraining mit Childers geschickt wurden. Die Institution, die alle nur „TCV“ nennen, ist der grösste Verbund indischer Schulen für Exiltibeter. Alle Mädchen des Fussballteams werden aus den neun TCV-Schulen des ganzen Landes rekrutiert. Und Ngawang ist seither in den Sport verliebt. Sie will an die Spitze. „Selbst wenn ich keine gute Schulbildung habe, so kann mich zumindest dieses Spiel berühmt machen!“, sagt sie stolz. „Fussball hat mein Leben verändert, und ich möchte eine der grossen Spielerinnen meines Landes werden!“

Für Ngawang haben sich Ausdauer und Wille bisher ausgezahlt. Beim Turnier in Manipur darf sie nun als erste Stürmerin antreten. Eine Position, die bei den Mädchen heiss umkämpft war. Nur der Traum vom Nationalteam kann noch etwas auf sich warten lassen.

Ihr erstes richtiges Turnier

Denn Tibet, das zu China gehört, aber nach mehr Autonomie strebt, wird von der Fifa und vielen anderen Fussballorganisationen nicht als eigenständiges Land anerkannt. Selbst die AIFF, die „All Indian Football Federation“, untersagt jegliche Unterstützung für die tibetischen Mannschaften. „Die haben sogar eine Mahnung an die indischen Nationalspielerinnen geschickt und ihnen die Teilnahme an den Spielen gegen unsere Mannschaft untersagt“, sagt Cassie Childers. „Aber erfolglos!“, fügt sie triumphierend hinzu.

Und tatsächlich. Als das tibetische Team in Imphal, der Hauptstadt Manipurs, ankommt, wird es fröhlich und mit offenen Armen empfangen. „Wir wurden behandelt, als ob es ein historisches Ereignis ist!“, so Childers. „Alle waren da. Die reichen und die wichtigen Leute kamen und liessen uns spüren, dass wir etwas Besonderes sind. So etwas würde ich mir auch einmal von der tibetischen Gemeinschaft wünschen!“

Das Turnier findet auf dem Rasen der „Birachandra Singh Football Academy“ statt, der Talentschmiede vieler Topspieler und -spielerinnen Manipurs. „Meine Mädchen haben das erste Mal auf einem richtigen grünen Rasen gespielt! Ansonsten spielen wir nur auf Staub und Steinen!“, wird Childers erzählen. Was vor drei Jahren noch unerreichbar schien, ist nun auf einmal in den Bereich des Möglichen gerückt: Die jungen Tibeterinnen spielen in ihrem ersten richtigen Turnier gegen einen richtigen Gegner. Einen der besten.

Die anderen Spielerinnen sind viele Jahre älter

Die anfängliche Euphorie des jungen tibetischen Teams hält aber nicht lange an. Wie vorausgesagt, verlieren die Tibeter das erste Spiel – mit 0:7. Verständlich, denn die Mannschaft von Manipur besteht zu einem Drittel aus Nationalspielern Indiens. „Aber wir konnten mit ihnen spielen. Es war nicht peinlich“, so Childers.

Die Stimmung drückt es natürlich trotzdem. Alle Hoffnungen und Träume scheinen schon am ersten Tag geplatzt. Aber die Amerikanerin weiss, dass ihr Team besser spielen kann. Dass sich die Spielerinnen nicht so leicht unterkriegen lassen und dass sie kämpfen können. Zusammen mit Trainer Kidby nimmt sie die Mädchen nach dem ersten Spieltag einzeln beiseite.

Am zweiten Spieltag tritt das Exilteam gegen das „Manipuri Veteran Women’s Team“ an. Jede der Spielerinnen des Veteranenteams hat schon in der Landesliga oder im Nationalteam gespielt, und jede Spielerin ist um viele Jahre älter. Doch trotz aller Nachteile für die Tibeter wendet sich das Blatt. In einem hart umkämpften und sehr physischen Spiel gehen sie als Sieger aus der Begegnung hervor. Endstand 4:2. Ein Ergebnis, das niemand der Mannschaft je zugetraut hat. „Es war einer der schönsten Momente meines Lebens! Ich werde das nie vergessen!“, sagt die Trainerin. Und Manipur ist entsetzt. Noch keine Mannschaft hat so was je geschafft. Der Organisator des Turniers stürzt zu Childers aufs Podium: „Ich kann es nicht fassen, was ihr da gerade getan habt!“

Das verbotene Team

Es ist eine Botschaft, die sich nach drei Jahren auch langsam in der tibetischen Exilgemeinde selbst herumzusprechen scheint. „Langsam sehen die Leute, dass die Mädchen und Frauen Fussball spielen können“, sagt Childers. „Dass die Tibeterinnen mit den Besten Indiens spielen können. Damit werden wir auf lange Sicht auch beweisen, dass tibetische Frauen alles können. Alles, was bisher nur den Männern vorbehalten war.“

Das Turnier verlässt die Mannschaft nach drei Tagen schliesslich mit dem ersten Platz – zusammen mit dem Team von Manipur. „Vor drei Jahren konnten die Mädchen einander noch nicht einmal den Ball zupassen“, sagt Cassie Childers mit leicht zitternder Stimme.

Der „Newsletter“, welcher der Gemeinschaft der Exiltibeter später den Triumph ihrer Kickerinnen vermeldet, erinnert an die inoffizielle Nationalmannschaft der Männer, die 2001 trotz chinesischen Widerstandes ihr erstes (ebenso inoffizielles) Länderspiel absolvierte; ein dänischer Dokumentarfilm über das Wagnis hiess „The Forbidden Team“: Das verbotene Team. „Nun“, so heisst es in dem Rundbrief, „wollen wir dieses geschichtsträchtige Ereignis wiederholen – aber dieses Mal mit dem ersten Nationalteam der Frauen.“

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