Allgemein Tibet

Die Tibeter zehren von einem alten Erbe

Die Presse, 02.07.2014, Jürgen Langenbach –

Das Leben in der extremen Höhe wird durch eine Genvariante ermöglicht, die es nur bei einem frühen Menschen gegeben hat, dem von Denisova. Offenbar haben sich Ahnen der Tibeter mit ihm gekreuzt.

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Bild: (c) J.Meyer: Tibetische Familie am Mount Kailash

Gross geworden ist die Menschheit in Afrika, dann ist sie losgewandert, nach Asien und Europa, in immer neuen Wellen. Man kennt die erste: Homo erectus, vor 1,8 Millionen Jahren entstanden, war kurz darauf in Dmanisi im heutigen Georgien. Und man kennt die letzte: Homo sapiens breitete sich vor etwa 70.000 Jahren aus, vor 50.000 war er in Australien, vor 35.000 in Europa. Das sind die beiden grossen Wanderungen, von denen man zumindest Ungefähres weiss, die einzigen werden es nicht gewesen sein, vermutlich sind immer wieder neue Menschen losgezogen und haben sich an neue Umwelten angepasst. Dann kamen die nächsten, sie wanderten durch bereits besiedelte Regionen, erkannten die Ansässigen, im biblischen Sinne, vermischten sich mit ihnen und zogen weiter.

Von diesem frühen Sex profitieren wir noch heute: Wir haben zwei bis vier Prozent Neandertaler in uns, die haben zu unserer, der Europäer, Hautfarbe beigetragen und unser Immunsystem gestärkt. Letzteres kann auch von einem anderen frühen Menschen gekommen sein, dem von Denisova, er lebte vor etwa 40.000 Jahren neben Neandertalern und Homo sapiens im sibirischen Altai. Und er hinterliess noch ein Erbe, das für unsere Ahnen wertlos war, aber anderen ein ganz neues Habitat erschloss: Es ermöglichte den Ahnen der Tibeter das Besiedeln ihrer Höhen: In 3500 Meter Höhe hat die Luft zwar ebenso viel Sauerstoff wie unten am Meer – 21 Prozent –, aber sie ist dünn, hat geringeren Druck und damit weniger Sauerstoff, um 40 Prozent.
Anden und Himalaja: Andere Strategien

Das bedroht Flachländer schon in 2500 Metern mit Höhenkrankheit bis zum Tod, aber andere sind vor Jahrtausenden über 4000 Meter hinaufgestiegen und dort geblieben. Wie haben sie sich angepasst? Die „Anden-Menschen“, die vor 11.000 Jahren die Hochplateaus erwanderten, haben die Sauerstoff-Transportfähigkeit ihres Bluts erhöht: Sie haben mehr Erythrozyten, das sind die roten Blutzellen, deren Hämoglobin den Sauerstoff trägt. Das klingt nach einer logischen Evolution, aber sie ist riskant: Erythrozyten können verklumpen, dann droht Herztod – früh, schon während der reproduktiven Phase –, auch den Föten im Uterus geht es nicht gut.

Deshalb hat die Evolution in Tibet, in das schon vor 25.000 Jahren Siedler kamen, ganz anders experimentiert als in den Anden: Die Tibeter haben statt der Zahl der Erythrozyten die Kraft der Lungen und der Blutgefässe erhöht: Sie holen mit einem Zug 15 Liter Luft, in den Anden sind es zehn. Und sie haben ihr Gefässsystem enger verzweigt und die Gefässe zugleich erweitert, durch die strömt mehr. Aber eben Blut, das nicht mehr Erythrozyten hat als das unten am Meer.

Dafür sorgt eine Variante des Gens EPAS1, das in seiner normalen Form für die Reaktion auf Sauerstoffmangel zuständig ist: Es lässt den Erythrozytengehalt steigen. Die Variante in Tibet tut das nicht, sie verhindert es aktiv, Rasmus Nielsen (Shenzen, Berkeley, Kopenhagen) hat es früher vermutet und nun gezeigt: Er hat die Gene von 40 Tibetern und 40 Han-Chinesen, die vor relativ kurzer Zeit in Tibet angesiedelt wurden, analysiert und mit den erdweiten Genvarianten verglichen: Alle Tibeter (und zwei Han) hatten die richtige Variante (Nature, 2.7.).

Die hat bzw. hatte sonst nur einer, der Denisova-Mensch. Er muss sie Durchwanderern eingekreuzt haben. Wer sie brauchen konnte, hat sie erhalten, andere legten sie ab: Die meisten Denisova-Gene finden sich in Melanesien, dort ist die Variante nicht, sie wurde wohl von der Evolution als überflüssig verworfen. „Wahrscheinlich haben wir auch von anderen Frühmenschen Gene“, schliesst Nielsen und bedauert: „Wir werden es nie wissen, wir kennen ihre Genome nicht.“

Quelle: DiePresse.com

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