Allgemein China

Fürchtet euch! In Hongkong ist die Meinungsfreiheit in Gefahr. Chinas Regierung drangsaliert Journalisten. Pekings Botschaft ist klar.

Süddeutsche Zeitung, 2.8.14, Evan Fowler –
Am vergangenen Samstag starb „House News“, Hongkongs meistgelesene Website für ernsthafte Nachrichten. In seinem Abschiedsbrief sprach Tony Tsoi Tung Ho, die treibende Kraft unter den Gründern, von einer „Welle der Furcht“ und vor „weissem Terror“, der Hongkong erfasst habe: „Nicht nur Hongkongs Grundwerte sind verzerrt, auch seine Marktwirtschaft ist es.“ Wer an diesem Ort noch glaube, ein „normaler Bürger und Geschäftsmann“ sein zu können, der phantasiere und erliege einem Irrtum.

House News war gerade einmal zwei Jahre alt und hatte am Ende täglich mehr als 300 000 Leser. Wie so viele Hongkonger war ich stolz auf House News. Der Erfolg der Seite war mir ein Beleg für den Geist und die Entschlossenheit der Menschen dieser Stadt, in Zeiten der Not und Bedrängnis zusammenzustehen, Chancen zu ergreifen. House News war von Anfang an anders, weil es sich nicht allein als Geschäft verstand. Im vergangenen Jahrzehnt hatten vor allem Hongkongs jüngere und besser ausgebildete Bürger zunehmend das Gefühl, dass die Mainstream-Medien nicht länger das ganze Spektrum der Stadt vertreten. Aus dieser Sorge heraus entstand House News. House News stelle sich auf keine Seite. Es war eine offene Plattform ohne redaktionelle Vorgaben, alle Meinungen waren willkommen. Ausserdem war der Grad an Transparenz höher als bei den Konkurrenten.

Hongkong war einmal die Heimat einer lebendingen und freien Presse. Heute ist es alleine das sensationsheischende Boulevardblatt Apple Daily, das noch nicht vor der offiziellen chinafreundlichen Linie kuscht. Ansonsten gibt es Randerscheinungen wie People’s Radio und Medien, die politisch radikal sind, die regelmässig verklagt werden und eingeschüchtert durch Besuche von Triadengangstern, den Abgesandten des organisierten Verbrechens in Hongkong. Weil das Zentrum ausgehöhlt war, suchten viele in Hongkong neue, unparteiliche Nachrichtenquellen.

Was ist mit dem Zentrum geschehen? Hongkongs grösster TV-Sender, TVB, ist heute offen auf Pekings Linie. Commercial Radio feuerte seinen populären, kritischen Moderater Li Wei Ling. Viele bekannte und preisgekrönte Journalisten bei der englischsprachigen South China Morning Post bekamen ihren Vertrag nicht verlängert. Einer, Paul Mooney, schrieb hernach, Chefredakteur Wang Xiangwei habe ihn vor seinem Abschied „sieben Monate lang daran gehindert, Artikel über China zu schreiben.“ Heute gibt es in der Chinaredaktion der SCMP keinen Journalisten mehr, der nicht aus China stammt.

Vor Kurzem sagte der bekannte Journalist Ching Cheong, der auch schon einmal in einem chinesischen Gefängnis sass, um die Pressefreiheit in Hongkong stehe es „so schlimm wie nie zuvor“. Im vergangenen Jahr wurden sowohl der frühere Ming-Pao-Chefredakteur Kevin Lau als auch iSun-Affairs-Herausgeber Chen Ping auf offener Strasse von bewaffneten Angreifern attackiert. Auf Kevin Lau wurde mit einem Fleischmesser eingestochen; er war kurz zuvor erst als Chefredakteur bei Ming Pao entlassen worden, in den Augen vieler aus politischen Motiven. Unter Kevin Lau hatte Ming Pao viele investigative und chinakritische Geschichten gebracht. Sein Nachfolger, der Malaysier Chong Tien Siong, ist ein Neuling in Hongkong. „Wenn man sich die Atmosphäre im Mediensektor anschaut, ist die Quelle all dessen klar“, sagt Ching Cheong: „Sie liegt auf der anderen Seite der Grenze.“ In China also.

Für viele in Hongkong rufen diese gewalttätigen Angriffe alte Erinnerungen wach, Erinnerungen an die Zeit von Mao Zedongs Kulturrevolution. In dieser Zeit zwischen 1966 und 1976, trugen die Triaden-Gangs das Gewalttätige dieser Kulturrevolution nach Hongkong. Es hat sich etwas geändert. Man liest es nirgendwo. Aber man hört auf der Strasse die Menschen oft ihre Furcht sprechen, dass in Hongkong nicht länger nur „Rot“ zähle, also die politische Einschüchterung. Es herrsche zunehmend „Schwarz“, die Einschüchterung durch die Gewalt der Triaden also, die oft in politischem Dienst stehen.

Vor knapp einem Monat organisierte die Hongkonger Bürgerrechtsbewegung „Occupy Central“ ein Referendum für politische Reform. Als bekannt wurde, dass sich überraschend mehr als 800 000 Bürger beteiligt hatten, war den Leuten bei House News klar, dass wohl Druck ausgeübt werden würde, um sie zum Schweigen zu bringen. Aber keiner erwartete das Ausmass dessen, was dann geschah. Wie erschrechend der Druck gewesen sein muss, davon erhielt ich eine Ahnung, als mir einer der Chefredakteure vor meinem wöchentlichen Treffen mit ihm sagte, ich solle nicht in die Redaktion kommen, wir würden uns stattdessen in einem Restaurant in der Nähe treffen. Als wir dann sassen, schob er einen Zettel zu mir herüber. Daraufstand nur ein Wort: „Sturm“. Er deutete mir, ich solle keine Fragen stellen und nicht frei reden. Dann schob er mir weitere Notizen zu, die unter anderen die Wörter „Crackdown“, „massiv“ und „nicht sicher“ enthielten.

Die Art und Weise, in der House News unterging, wirft Fragen nach der Pressefreiheit in dieser Stadt auf. Der Schluss liegt nahe, dass das Ausmass politischer Einschüchterung, mit dem in dieser Stadt gearbeitet wird, zugenommen hat. Das alte Spiel hat neue Regeln bekommen.

Und doch lebt der Geist von Hongkong weiter. Ich persönlich habe Gesten der Unterstützung erfahren von Menschen aus beiden Lagern des politischen Spektrums. Der Unterschied liegt heute weniger darin, woran Menschen glauben, als vielmehr darin, wie sie mit ihrer Furcht umgehen – oft geht denen die Angst besonders nahe, die am meisten zu verlieren haben. Mittlerweile versuchen Leser und Autoren, die gelöschten Inhalte von House News zu rekonstruieren und zu archivieren. Für die Autoren wurde ein Ausweichblog eingerichtet; möglicherweise gibt es ein neues House News. Entscheidend wird sein, dass sich genug Hongkonger mit genüged Geld finden, die keine Angst haben oder mit ihrer Angst umgehen können. Hongkong ist die Stadt mit dem höchsten Wohlstandsgefälle in Asien. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist seit der Machtübernahme durch China 1997 stark gestiegen; inzwischen werden die grössten Vermögen der Stadt in China gemacht. Auch das bietet Peking zunehmend Einflussmöglichkeiten.

Hongkong war immer ein Markt, ein Ort für Geschäfte. Die Stadt war immer auch ein Ort der Gemeinschaft, der Freiheit, der offenen Kommunikation. Nun herrscht die Furcht. Sie droht das Fundment auszuhöhlen, auf dem diese Stadt errichtet wurde. Das ist es, was mir Sorgen macht.

Der Autor, Filmemacher und Blogger Evan Fowler, 34, ist geboren und aufgewachsen in Hongkong. Er schreibt über die Kultur und die chinesisch-westliche Identität der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt.

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