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Olympische Winterspiele 2022: Die Ölspur des Geldes führt nach Peking

FAZ, 23.2.15, Evi Simeoni –
Echter Schnee, imposante Sportstätten, eine begeisterte Bevölkerung: Almaty, der kasachische Bewerber für 2022, hat alles, was Olympische Winterspiele brauchen. Trotzdem ist Peking Favorit. Warum nur?
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Winterspiele mit echtem Schnee, hohen Bergen, imposanten Sportstätten, begeisterter Bevölkerung, gewachsener Tradition, und das alles zu vernünftigen Preisen und ohne Bausünden – davon träumt Olympia. Darum wurde die Verblüffung bei den 14 Prüfern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) während ihres Besuchs in Almaty immer grösser.

Der kasachische Bewerber um die Winterspiele 2022 hat das alles. Doch ein Wintertraum genügt nicht, um das Grossereignis zu gewinnen, es gibt ja auch noch die Wirklichkeit: Wirtschaftliche Probleme Kasachstans, die unklare Haltung des Diktators Nasarbajew, die sportpolitischen Kräfteverhältnisse und die Macht des einzig verbliebenen Konkurrenten Peking könnten am Ende schwerer wiegen als verschneite Hänge und Märchenbilder in Weiss.

Fünf Tage lang hat die Evaluierungskommission des IOC sich die Bewerbung in natura zeigen lassen. Für alle war es der erste Besuch. Die vermeintlichen olympischen Hinterwäldler präsentierten den staunenden IOC-Experten die legendäre Eisschnelllauf-Piste in der Höhenlage von Medeo, die sich in eine dramatische Bergkulisse kuschelt. Hier wurden einst Hunderte von Weltrekorden gebrochen. Das Tau-Park-Skigebiet liegt im Gebirge Tian Shan, dem Ausläufer der Berge von Tibet. Und die Sunkar Sprungschanzen mitten in der Stadt dürften zu den spektakulärsten Wintersportstätten der Welt gehören.

Die Bewerber demonstrierten den Prüfern, dass die meisten Anlagen bereits stehen und in Betrieb sind, nur das Olympische Dorf, die Bob- und Rodelbahn und eine Halle für die Eiswettbewerbe müssten neu gebaut werden. 2011 fanden hier die Asien-Winterspiele statt, für die Winter-Universiade 2017 soll bereits alles fertig sein.

Niemand müsste wegen der geplanten Neubauten umsiedeln, die maximale Entfernung der Wettkampfplätze zum Athletendorf beträgt 30 Kilometer. Es würden nirgendwo Tunnel gebohrt wie für Sotschi 2014, und das kalkulierte Budget beträgt nur einen Bruchteil der mehr als 37 Milliarden Euro, mit denen Russland die Welt schockiert hat. Noch während des IOC-Besuchs gab der Bewerber sogar bekannt, er werde 88 Millionen Euro sparen, indem er – nach einem technischen Einspruch des Ski-Weltverbands – auf die Einbindung des Skigebiets Schimbolak ganz verzichten werde.

Alexander Schukow, der Vorsitzende der Kommission, bescheinigte vergangene Woche zum Abschluss der Inspektion dem Kandidaten volle Tauglichkeit. Almaty erfülle alle Anforderungen, die das Olympische Reformprogramm „Agenda 2020“ an die Spiele stelle. „Der IOC-Besuch hat gezeigt, dass Almaty bestens geeignet ist“, sagte der russische Politiker, der selbst entscheidend in die Organisation der Spiele von Sotschi involviert war. Die „Agenda 2020“, die im Dezember 2014 verabschiedet wurde und die Reformen des Präsidenten Thomas Bach zusammenfasst, propagiert kostengünstige Spiele, die vorhandene Sportstätten nutzen und die Umwelt schonen sollen.

Peking würde Umwelt für Olympia 2022 nicht schonen

Mitbewerber Peking kann dies nicht unbedingt für sich reklamieren. Es ist geplant, die Eiswettbewerbe in der Riesenstadt auszutragen, die Schneewettkämpfe im 250 Kilometer entfernten Zhangjikau. Die Fahrt dorthin über eine ständig verstopfte, vom Smog verdüsterte Autobahn dauert bisher vier Stunden. Für Olympia soll eine Milliarden teure Schnellbahn errichtet werden. Das ganze Skigebiet müsste neu gebaut werden, zwei Dörfer würden dafür geopfert. Die Berge sind klein, eine überzeugende alpine Abfahrt wäre kaum möglich, Schnee gibt es selten. Im März wird sich die Evaluierungkommission dort genauer umsehen. Doch fest steht jetzt schon: Peking wird Favorit bleiben.

Wieso? Natürlich wegen des riesigen Marktes. Aber nicht nur. Die Tatsache, dass der Vorsitzende des Bewerbungskomitees, der kasachische Ministerpräsident Karim Massimow, anders als angekündigt, der IOC-Gruppe nicht persönlich die erforderlichen Regierungsgarantien präsentierte, ist höchst verdächtig. Lediglich der Aussenminister erschien. Es hiess, der Ministerpräsident müsse in der Hauptstadt Astana bleiben, weil Präsident Nursultan Nasarbajew verreist sei. Einer von beiden, so erfordere es das politische Protokoll, müsse immer in der Stadt sein.

Nasarbajew scheint also nicht gerade wild auf Olympia zu sein. Schon als IOC-Präsident Thomas Bach im Oktober des vergangenen Jahres in Almaty zu Gast war, kam keine Begegnung zustande. Bis vor drei Wochen lahmte das ganze Projekt. Erst zur aktuellen Inspektion hat der Diktator überhaupt ein Organisationskomitee installieren lassen. Vor wenigen Wochen störte er die Vorbereitungen durch den unsinnigen Vorschlag, einige Wettkämpfe ins 1200 Kilometer entfernte Astana auszulagern. Der rechte politische Zug ist also nicht zu spüren. Zum Vergleich: 2011 in München wurde die Evaluierungskommission von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer begrüsst.

Nasarbajew aber hat ganz andere Sorgen: Der Verfall des Ölpreises trifft das Land hart. Und die Talfahrt des russischen Rubels hat Einfluss auf die Landeswährung. Dazu kommen die unendlichen Schwierigkeiten mit dem Öl- und Gasfeld Kaschagan im Kaspischen Meer, das gleichzeitig ein riesiger Schatz des Landes und ein Milliardengrab ist. Seit 2013 soll gefördert werden, doch wegen erodierter Pipelines wurde der Betrieb wieder gestoppt.

Erinnerungen an Olympia 2008 in Peking sind frisch

Im Herbst 2013 erwarb China 8,33 Prozent von Kaschagan für 4,39 Milliarden Euro, und das ist nur eines von vielen Beispielen, wo der Riesennachbar auf der Jagd nach Energie mit Investitionen und Krediten in die kasachische Industrie eingestiegen ist. Ausgerechnet China, das sich mit Peking für die Winterspiele 2022 bewirbt. Und das sie bekommt, wenn Almaty verliert. Wieso also den mächtigen Nachbarn verärgern? Folgt man allein der Ölspur des Geldes, hat Peking schon gewonnen. Zumal das IOC zahlungskräftige Gastgeber schätzt. Es wäre die erste Stadt, in der Sommer- und Winterspiele stattfinden.

Die Erinnerungen an die politische Instrumentalisierung der Spiele 2008 in Peking sind noch frisch. Doch die Menschenrechtsfrage spielt bei der Entscheidung, die am 31. Juli auf der Vollversammlung in Kuala Lumpur fällt, ohnehin keine Rolle mehr, seit Oslo, Lemberg, Krakau, Stockholm, Graubünden und München sich von ihren Bewerbungsplänen verabschiedet haben. Ob nun Kasachstan oder China – das IOC wird sich in jedem Fall wieder gegen Kritiker rechtfertigen müssen. Die Winterspiele 2022 sind die ersten Olympischen Spiele, die unter dem neuen IOC-Präsidenten Thomas Bach vergeben werden, und sie dürften nicht zu seinen Lieblingsthemen gehören. Denn eine zufriedenstellende Entscheidung kann es nicht geben zwischen dem wackeligen Almaty und dem sperrigen Peking. Es geht nur noch um die Frage, wer das geringere Übel ist.

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