Focus Tibet

Mensch und Natur in Gefahr durch Chinas Politik in Tibet: Das Erdbeben von Zitsa Degu

Unter den vielen anderen besorgniserregenden Ereignissen in Tibet gab es kürzlich eine besonders schlimme Nachricht: Am 8. August 2017 ereilte ein Erdbeben der Stärke 7.0 die Gegend von Zitsa Degu (chin. Jiuzhaigou), auch das Tal der Neun Dörfer genannt, in Osttibet (1).

Das im Bezirk Jiuzhaigou (2) in der heutigen Provinz Sichuan gelegene Tal Jiuzhaigou wurde verwüstet. Als eine Gegend von außergewöhnlicher natürlicher Schönheit führt dieses UNESCO Welterbe seinen Namen auf die neun in dem Tal verstreuten Dörfer tibetischen Ursprungs zurück. Die Bewohner, die größtenteils Anhänger der alten Bön-Religion sind, ließen sich in der Zeit der Süd-Expansion der Yarlung Dynastie unter König Songtsen Gampo (Srong-btsan sgampo) im 7. Jahrhundert hier nieder.

Das Tal, das als “Himmel auf Erden” umschrieben wurde, birgt eine ganze Reihe von atemberaubenden Naturwundern, wie vielfarbigen Seen, Wasserfällen und Quellen, schneebedeckten Bergen und üppigen grünen Wäldern. Seit alters her segneten Bön-Praktizierende und Yogis das Tal durch ihre Anwesenheit und spirituelle Praxis.

Der Legende zufolge entstanden die Seen vor langer Zeit, als der Berggott Dago sich in die Göttin Senmo verliebte und ihr einen aus Wind und Wolken geformten Spiegel schenkte. Dann erschien ein Dämon und trieb sein Unwesen, worauf Senmo den Spiegel in 108 Teile zerbrach. Diese Stücke wurden zu den 108 vielfarbigen Seen in dem Tal. Aber jetzt, nach dem Erdbeben, befürchtet man, dass viele der Seen und Wasserfälle austrocknen werden.

Seit der Okkupation Tibets durch China wurden die Naturschätze dieses einst verborgenen Tales nach und nach geplündert, und die Umwelt erlitt dasselbe Schicksal wie das übrige tibetische Hochland. Später, als China Tibet als ein erschwingliches Touristenziel für die aufkommende Mittelklasse vermarktete, wurde die Schönheit des Tales zum Fluch, denn nun strömen massenhaft Touristen herein, die eine grosse Belastung für die Ressourcen des Tales darstellen.

Die Ausbeutung der Naturschätze von Zitsa Degu zusammen mit der Flut von Touristen und dem fieberhaften Aufbau der Infrastruktur beeinträchtigten das ökologische Gleichgewicht der Gegend und könnten zum Ausmass und zu den Verheerungen der Katastrophe beigetragen haben. Die Gegend gewann rasch an Popularität, nachdem sie zum Naturreservat erhoben und dort der chinesische Film „Reise in den Westen“ gedreht wurde.

Während die Touristen Jahr um Jahr in das Tal strömen, sind Hunderte von Hotels entstanden, darunter das Inter-Continental Resort Juizhai Paradise. Offiziellen Schätzungen zufolge besuchen jeden Tag 30.000 Touristen das Tal, und die Mehrheit davon sind Chinesen.

Von der Tradition her sind die dort wohnenden Tibeter, die der Bön-Religion anhängen, sehr naturverbunden. Sie sehen in jedem See, Wasserfall oder Wald eine heilige Wohnstätte von Göttern und Göttinnen. Sie glauben, dass man deren Zorn auf sich zieht, wenn man sie stört, und dass die Katastrophen eine Art himmlischer Strafe sind.

Das Erdbeben, das Zitsa Degu ereilte, war so stark, dass noch in so entfernten Städten wie Lanzhou und Chengdu Erdstösse gespürt wurden. Ein Bericht besagt, dass es bis zum 10. August noch zu 1.700 Nachbeben kam, darunter 30 grösseren. Das Beben zerstörte die Areale der Ortschaft Zhangzha und des Jiuzhaigou Tales, das eine riesige Artenvielfalt an Flora und Fauna aufweist, darunter auch gefährdete Tiere wie Riesenpandas, Takine, Goldstumpfnasen, Murmeltiere und Blauschafe. Es gibt dort auch mehrere Klöster und tibetische Dörfer.

Nach dem Erdbeben berichteten chinesische Staatsmedien, dass die Regierung unter der Führung von Xi Jinping eine Rettungsaktion der Stufe eins mit Truppen und medizinischen Notfallteams angeordnet habe. Später erfuhren wir aber, dass die offiziellen Rettungsmannschaften sich als erste Priorität auf die Touristen konzentrierten und die Dorfbewohner vernachlässigten. Offiziellen chinesischen Websites zufolge wurden noch am ersten Tag 31.000 Touristen evakuiert, und es wird weiter nach Touristen gesucht. Und die staatlichen Medien berichteten, dass bis 18.00 Uhr des folgenden Tages 47.000 Touristen in Sicherheit gebracht worden seien. Doch fast kein Wort fiel über die Rettung und Sicherheit der einheimischen Bevölkerung.

Chinas offizielle Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber wird aus den Aussagen der Einheimischen ersichtlich. So klagte ein Bewohner der Gegend:

„19 Stunden sind seit der Katastrophe vergangen, doch die Rettungsmannschaften wandten sich den Touristen zu. Es ist, als ob sie uns, die Lokalbevölkerung, vergessen hätten. Die Dörfer in den Bergen sind besonders stark betroffen, die Häuser wurden zerstört, es gibt weder Strom noch Wasser. Bitte helft auch uns, unser Leben ist ebenso wichtig!“

Um der verordneten strengen Geheimhaltung willen wurden freiwillige Helfer entweder ausgeschlossen oder sie mussten bei ihren Rettungseinsätzen Militäruniformen tragen. Tibet Watch erfuhr, dass einer grossen Zahl von freiwilligen Helfern aus benachbarten Gegenden der Zugang zu dem betroffenen Gebiet verwehrt wurde. So sagte ein einheimischer tibetischer Helfer: „Es treffen eine ganze Reihe von offiziellen Rettungsteams ein, aber von den freiwilligen Helfern aus anderen Bezirken wird verlangt, dass sie Uniformen tragen, andernfalls dürfen sie das Katastrophengebiet nicht betreten… So viele Gruppen und Freiwillige sind schon hier. Die meisten davon dürfen nicht hereinkommen, sie stehen statt dessen den autorisierten Helfern bei, indem sie ihnen Essen und Trinkwasser von ausserhalb der Markierungslinie reichen“.

Die genaue Zahl der Opfer und das Ausmass des Sachschadens sind noch nicht bekannt. Der China Digital Times aus den USA zufolge gaben die Behörden Zensuranweisungen heraus, dass alle Medien sich bei ihrer Berichterstattung auf die Inhalte der Nachrichtenagentur Xinhua stützen müssen. Die Verwendung von Bildern oder Videos, die Panik erregen könnten, sei verboten. Die Zensoren wurden angewiesen, auf die öffentliche Meinung im Internet zu achten und „schädliche“ Informationen sofort zu entfernen.

Nach den letzten offiziellen Angaben beträgt die Zahl der Todesopfer 25, doch unabhängige Agenturen sagen, dass über 100 Menschen ums Leben gekommen sein könnten. Die Wahrheit über das verheerende Erdbeben in Zitsa Degu kommt vielleicht niemals heraus. Ein chinesischer Journalist bringt die Lage in dem Tal auf den Punkt: „Alle sind geflohen, abgesehen von denjenigen, die noch auf ihren Abtransport warten, und wenn auch sie weg sind, dann lassen sie eine Geisterstadt hinter sich“.

Ja, die Touristen werden in ihre bequemen Häuser zurückkehren, aber die vernachlässigten Ortsbewohner wissen nicht, wohin sie gehen sollten.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Jiuzhaigou-Erdbeben_2017

(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Jiuzhaigou

 

Free Tibet, www.freetibet.org, von Wangden, dem leitenden Analysten von Tibet Watch 12. September 2017

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Oppenheimer

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