China Focus International

Ai Weiwei: «Der Westen kann das Spiel nicht gewinnen»

China könne mächtiger werden als jedes andere Land, sagt der chinesische Künsler Ai Weiwei. Eine direkte Konfrontation mit den USA werde Peking aber vermeiden.

NZZ am Sonntag:
Sie haben gerade Filme zu Wuhan während der Corona-Pandemie, zu den Protesten in Hongkong und zu den Rohingya-Flüchtlingslagern fertiggestellt und finden kein Festival, das sie zeigen will. Wieso?

Ai Weiwei:
Ich habe den Film «Coro­nation» zum Ausbruch des Coronavirus in Wuhan den Festivals in Venedig, in Toronto und in New York angeboten, und alle drei haben abgelehnt. Dasselbe ist mit Amazon und Netflix passiert.

Mit welcher Begründung?
Zuerst sind sie begeistert, dass ich Filme über diese Themen gemacht habe. Dann bedauern sie, dass sie keinen Slot dafür mehr frei haben.

Das erstaunt bei der Aktualität der Themen.
Vielleicht. Aber der chinesische Regierungsapparat nimmt Einfluss. Er hat realisiert, dass er noch zu wenig Soft Power hat, und setzt viel Geld ein, um in Think-Tanks, Forschungszentren, Universitäten und Lobbys reinzukommen und dort chinesische Interessen zu vertreten – was normal ist. Da China der grösste Markt der Unterhaltungsindustrie ist, träumt jeder Filmemacher, auch jene aus der Independent-Szene, davon, dort Erfolg zu haben. Das ist wie ein Goldrausch. Niemand kann es sich leisten, China zu verärgern. Das wurde schon vor 15 Jahren ausgekämpft: Wenn ein Festival eine chinesische Delegation einlud und zur selben Zeit einen unabhängigen Regisseur zeigte, sagte die Delegation ab. Die Festivals setzten dann die unabhängigen Regisseure sofort ab.

Wie ist das heute?
Sie brauchen ein sogenanntes Dragon Seal auf dem Film, und das bekommt man nur, wenn man die Zensur des Propagandaministeriums passiert hat. Dieser Prozess ist so unabsehbar wie ein Roman von Kafka. Es gibt viele rote Linien. So darf man etwa nicht über Minoritäten, die Kulturrevolution oder bestimmte Politiker sprechen. «Coronation» handelt von China, der Film hätte dieses Siegel nie bekommen.

Ich konnte den Film sehen und verstehe nicht, was daran so brisant sein soll. Er zeigt sehr nüchtern, was passiert: die Situation in den Spitälern, die Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Sie lassen sogar eine alte Frau sprechen, die die kommunistische Partei lobt.

Ich versuche, ein ausgewogenes Bild von China zu zeigen, weil ich das Land sehr gut verstehe und möchte, dass China Erfolg hat. Dort lebt über eine Milliarde Menschen. Ich möchte, dass es denen gut geht. Ich bemühe mich immer um Ausgewogenheit. Aber es ist normal für mich, dass ein Film auch im Westen zurückgewiesen wird. Ich wurde geboren, um zurückgewiesen zu werden.

Was heisst denn das?
An dem Tag, an dem ich geboren wurde, wurde mein Vater als antirevolutionärer Schriftsteller angeklagt und für 20 Jahre ins Exil geschickt. Ich habe meine ersten 20 Lebensjahre fast vollständig in einer sehr weit entfernten Region verbracht. In Xinjiang, das liegt ganz im Nordwesten Chinas.

Woher haben Sie die Bilder aus Wuhan bekommen?

Mitarbeiter haben für uns gefilmt. In China funktionieren viele Dinge anders, das hat mich auch veranlasst, den Film zu machen. Die Gesellschaft dort ist in vieler Hinsicht weniger reguliert als der Westen.

Wirklich?
Oh, ja. Deshalb entwickelt sich China so schnell. Man darf zwar keine prinzipielle Kritik an der Regierung üben, man kann auch nicht wählen oder zusammenkommen und über Politik diskutieren. Aber wenn man das nicht macht, ist fast alles möglich. Die Menschen denken sich etwas aus und probieren es. Das ist eine Haltung. Ich habe den Film «Coronation» so gemacht. Ich wusste nicht, was ich mit dem gefilmten Material vorhabe, bis ich es sah. Es geht mir da ja nicht um Kritik, sondern um eine möglichst genaue Analyse von dem, was geschehen ist.

Was meinen Sie damit?
Wir wollen zeigen, wie der Staat diese absolute Kontrolle aufgebaut hat, wie die Menschen seine Einschränkungen befolgen. Und was für Menschen das sind, was sie mit Sorge erfüllt, was sie wirklich interessiert. An diesen Dingen erkennt man China.

Ist Wuhan unter Corona ein Beispiel dafür, wie die Dinge in China gehandhabt werden?
Schon. China ist die grösste Nation mit einer sehr alten Geschichte. Und die chinesische kommunistische Partei ist die grösste menschliche Organisation, die es je gab. China funktioniert seit 1949 immer gleich.

Gibt es eine Chance auf Veränderung? Sie zeigen im Film junge Menschen, die auf die KP vereidigt werden.
Wenn eine Kultur ihre eigene Sprache entwickelt hat, ist das wie eine grosse Mauer. Es ist sehr schwer, sie einzureissen. China hat seine eigene Sprache, seine Verhaltens- und Denkmuster. Das nennen wir Kultur. Diese Gesellschaft funktioniert wie eine Armee. Wenn man da fragt, ob Veränderung möglich ist: Dafür brauchte es ein unvorstellbares Ereignis.

Und was ist mit den jungen Chinesen, die die Welt bereisen?
Die USA reden seit einiger Zeit über Sanktionen gegen Chinesen: Wenn du Mitglied der Armee bist und in den USA Forschung betreiben willst, bist du nicht mehr willkommen. Ich habe geschrieben, dass das mindestens 40 Jahre zu spät passiert. Seit Anfang der 1980er Jahre studierten eine Million oder mehr chinesische Studenten in Europa oder in den USA. Sie gehörten alle zur Elite, fast alle waren Kommunisten, Hardcore-Kommunisten. Sie besuchten die besten Schulen und Universitäten in den USA, bekamen die prestigeträchtigsten Stipendien, sie studierten die USA sehr sorgfältig und gingen dann zurück nach China. Dort wurden sie die Generation, die das moderne China aufbaute und die Gesetze und Regeln dafür formulierte. Die erste Lektion, die sie lernten, war nicht, wie amerikanische Werte funktionieren könnten, sondern warum diese Werte in China nicht funktionieren. Der Einfluss des Westens ist noch stark, aber China ähnelt einem Tuschefass: Wenn man da einen Tropfen Milch hineingibt, verschwindet er. Wenn man mehr hinzugibt, ebenso. China hat ein starkes kulturelles Eigengewicht. Es geht seinen eigenen Weg.

Sie haben gerade auch einen Film über die Protestbewegung in Hongkong fertiggestellt. Warum zerschlägt die Regierung in Peking diese Proteste, wenn sie so stark ist?
Hongkong war lange Zeit für beide Seiten profitabel. Die Stadt spiegelt sehr gut den Crash zwischen China und dem Westen: eine britische Kolonie, die nach 150 Jahren an China zurückgegeben wird, eine friedliche Vereinbarung für weitere 50 Jahre – ein Land, zwei Systeme. Das ist schon von seiner Logik her lächerlich. Aber weil beide Seiten Hongkong brauchten, waren sie damit zufrieden. Doch dann kam der Moment, als China Taiwan auf die Agenda bringen musste. Die Regierung formulierte die Notwendigkeit, Taiwan zu übernehmen.

Wie bitte?
Das ist ihr Plan. Ich sage nicht, dass sie ihn ausführen kann. Aber sie denkt keine Sekunde, dass sie das nicht machen wird.

Das ist das Ziel Xi Jinpings?

Das Ziel seiner Regierung. Hongkong ist der erste Schritt, mit dem die Regierung dem Westen zeigt, dass sie das machen kann. Es ist ihr Land, so wie sie es sehen, und da können sie machen, was sie wollen. In dieser Hinsicht ist die Regierung sehr kompakt. Schauen Sie, was in Hongkong passierte: Wenn es um prinzipielle Fragen geht, gibt es keinen Raum für Verhandlung. Die Regierung kann warten, bis für sie der richtige Moment gekommen ist, aber sie ändert nicht ihren Plan.

Also ist der Westen blind, wenn er auf eine friedliche Koexistenz hofft?

Der Westen hat seine eigenen Probleme, wenn man sieht, was mitten in Europa heute passiert. Auch im Umgang mit China und den USA. China denkt, es sei der Mittelpunkt der Welt. Schon der Name bedeutet: Land der Mitte. Die Regierenden haben davon eine klare Vorstellung.

Gehört dazu, dass China die Welt erobern will?
So ein Wort würde die Regierung nie gebrauchen. Aber sie denkt, sie werde die Welt dominieren. Erobern ist ein sehr altes Wort. Die Initiative «One Belt, One Road» ist ein technischer Plan, um direkte Konflikte zu vermeiden. Die Regierenden wollen keine direkte Konfrontation mit den USA, sie wollen ihre eigenen Strukturen und Einflussbereiche aufbauen. Der Parteivorsitzende Mao war berühmt für seine Auseinandersetzung mit dem nationalistischen Regierungschef Tschiang Kai-schek. Alle seine Gegner in der Partei wollten eine direkte Konfrontation. Er nicht. Er ging in die ärmsten Regionen, um die sich die zentrale Regierung nicht kümmerte, baute seine Macht auf und kreiste die Städte ein. Als Japan die Energie der Nationalisten im Krieg aufbrauchte, führten die Kommunisten ihre Revolution durch, übernahmen die Macht und gründeten eine neue Nation. Diese Technik wird bis heute angewendet, von jeder Generation, nicht nur von Xi Jinping. Er ist da einfach klarer in seinen Ambitionen. Er macht das Schritt für Schritt, arbeitet mit Afrika, mit Brasilien, mit Mexiko, den lateinamerikanischen Ländern, um den eigenen Einfluss und die Ressourcen zu sichern.

Wir dachten, Mao sei vorbei.

Nein, Mao ist nie vorbei. Er glaubte an eine starke und enge Kontrolle durch eine zentrale Regierung. Das kann sehr gewalttätig und brutal sein, aber es funktioniert. Eine demokratisch gewählte Regierung ist immer schwach. Sie hat weder Gewalt noch Revolution als Mittel zur Verfügung, und sie muss sich alle vier Jahre zur Wahl stellen, manchmal sogar schneller. Und dann ist sie nur der Repräsentant einer anderen Gewalt.

Halten Sie das chinesische Konzept für stärker als das westlich-demokratische?
Wenn es keine klare Unterbrechung gibt, wird China mächtiger werden als jedes andere Land. Es folgt seinem eigenen Spiel. Der Westen spielt Schach, China spielt Go. In diesem Konzept gibt es keinen König, keinen Turm, keine Springer. Alles ist nur ein schwarzer oder ein weisser Stein, alle sind gleich, ihr Wert wird dadurch bestimmt, wie gross das Feld ist, das man mit ihnen besetzt. Sie töten keine Königinnen, sie drängen nicht einen König in die Ecke, um zu gewinnen. Den Westen kann man mit Schach verstehen. Da gibt es klare Regeln für die Bewegungen. Die Springer können sich nur diagonal bewegen, die Pferde anders. Wenn man sich falsch bewegt, verletzt man Regeln. In Go gibt es keine solche Regeln. Man kann seinen Stein überall hinlegen, wo man möchte. Solange sein Punkt mit anderen verbunden ist, bleibt er gültig. Das sind ganz verschiedene Denkkonzepte. Der Westen kann dieses Spiel nicht gewinnen.

Lesen Sie das Interview von Gerhard Mack mit Ai Weiwei, erschienen in der NZZ am 22.08.2020 hier.

Foto: Gerry Nitsch, Bild vom Originalinterview in der NZZ.

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