Focus Tibet

«Ein Soldat pro Familie» – Jugendliche und Kinder in militärischem Drill

Laut einem Dekret der Regierung vom 15. August 2021 muss jede tibetische Familie mindestens ein Mitglied zum Dienst in die Armee entsenden. Diese Massnahme soll der Verstärkung der chinesischen Soldaten dienen, die ihren Dienst an der Waffenstillstandslinie, de-facto der indisch-chinesischen Grenze, absolvieren. Im Frühjahr kam es zu mehreren Auseinandersetzungen an der Waffenstillstandslinie, in deren Verlauf die unbewaffneten Soldaten mit Fäusten und Steinen aufeinander losgingen. Es gab mehrere Todesopfer. Auf indischer Seite sind seit Längerem Tibeter in eine Armee-Einheit integriert, die sich den Chinesen im Hochland des Himalaya als überlegen erwies. Nun macht auch China diesen Schritt, da chinesische Soldaten allein nicht die gesamten 4000 km lange Grenze kontrollieren können und Tibeter besser an die Höhe, das Klima und das Gelände angepasst sind. In Zukunft könnten sich also tibetische Soldaten auf beiden Seiten gegenüberstehen.

Die Kandidaten müssen vorher einen Loyalitätstest absolvieren, in dem sie auf ihre chinesischen Sprachkenntnisse geprüft werden und die Führung der Kommunistischen Partei anerkennen müssen.

Offenbar in diesem Kontext bietet die Regierung Studenten zwischen 18 und 21 Jahren die Rückerstattung ihrer Studiengebühren an, falls sie sich für 2 Jahren für ein militärisches Trainingsprogramm verpflichten. Studenten, die ein staatliches Stipendium erhalten, sind sämtlich zu diesem Militärdienst verpflichtet. Ein Student kommentierte gegenüber Radio Free Asia, dass militärischer Drill schon immer Teil des Schulprogramms war; neu sei aber, dass dieses jetzt gemäss Dekret der Regierung als Pflichtprogramm für alle Schulen gelte.

Mehr noch, auch tibetische Schulkinder zwischen 8 und 16 Jahren wurden im Juni und Juli während der Ferienzeit in Lager eingezogen, in denen militärische Übungen abgehalten wurden. Berichte der Staatsmedien zeigen die Kinder in Militäruniformen unter anderem bei Marschübungen. Die Staatsmedien priesen das Programm als «Stärkung der patriotischen Haltung zur Verteidigung der Nation». Die Lager wurden nicht zuletzt auch während der Sommerferien verpflichtend, weil Behörden bekannt ist, dass Kinder ansonsten in privaten Unterricht gehen, wo sie Lektionen in tibetischer Sprache und Kultur erhalten. Solche privat organisierten Gruppen gelten als «illegale Vereinigungen».

India Today, 30. Juli 2021, TibetanReview.net, Radio Free Asia, 1. August 2021 // Dr. Uwe Meya

Foto: Reuters

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