Focus Tibet

Zwei tibetische Schriftsteller erhalten mehrjährige Haftstrafen

Im Juni wurden gleich zwei tibetische Schriftsteller wegen «Anstachelung zum Separatismus» zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Dieser diffuse Tatbestand wird meist für Gerichtsurteile verwendet, wenn sich die Betroffenen in irgendeiner Weise kritisch zur Situation in Tibet äussern. Allein im vergangenen Jahr wurden 10 Schriftsteller wegen dieses Tatbestandes verhaftet.

Thupten Lodoe (Pseudonym: Sabuchey), 34 Jahre alt, erhielt eine Haftstrafe von viereinhalb Jahren. Im Oktober letzten Jahres wurde er verhaftet und bis zur Urteilsverkündung an einem unbekannten Ort festgehalten. Seine Angehörigen wurden massiv unter Druck gesetzt, sich nicht zu seiner Verhaftung und dem Urteil zu äussern. Sabuchey beherrscht neben seiner tibetischen Muttersprache auch die chinesische Sprache fliessend und äusserte sich in beiden Sprachen auf Internet-Plattformen und Webseiten zu sozio-ökonomischen Themen und zur Situation in Tibet. Nach seinem Studium in China kehrte er nach Tibet zurück und arbeitete mehrere Jahre als Lehrer in einer Mittelschule im Bezirk Sershul. Er gilt als einer der profiliertesten Schriftsteller in seiner Generation. Die Sicherheitsbehörden hatten ihn mehrmals vorher wegen seiner Meinungsäusserungen verwarnt. Als er verhaftet wurde, konfiszierten die Behörden auch seinen Computer, um «Beweismaterial» sicherzustellen.

Rongwo Gendun Lhundup (Pseudonym: Lhamkok), 48 Jahre alt, wurde im November 2020 im Kloster Rongwo in der heutigen chinesischen Provinz Qinghai im Norden Tibets verhaftet. Seitdem wird er an einem unbekannten Ort festgehalten. Im Dezember 2021 wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, zusätzlich zum Verlust seiner politischen Rechte für zwei Jahre. Seine Schriften befassen sich hauptsächlich mit der Situation der tibetischen Sprache und Kultur. Er bereiste viele Regionen in Tibet und administrierte die im tibetischen Sprachraum sehr bekannte Webseite «Tsenpo». Sein Gedichtband mit dem Titel «Der im Jahr des Schweins geborene» galt als Referenz an den Dalai Lama, der ebenfalls im Jahr des Schweins 1935 geboren wurde. Vor seiner Verhaftung war er mehrfach wegen seiner Kritik an der «Sinisierung Tibets» verhört worden. Sein letzter Gedichtband «Khorwa» über den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt erschien unmittelbar vor seiner Verhaftung.

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD), 18. / 19. Juni 2022 // Dr. Uwe Meya

Fotos: TCHRD

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