Der heuchlerische Kater

«In langvergangenen Zeiten lebte ein Häuptling einer Kompanie von Mäusen, der eine Gefolgschaft von fünfhundert Mäusen hatte. Und es lebte auch ein Kater, namens Angija. In seiner Jugend hatte er den Wunsch gehabt, alle Mäuse in der Nachbarschaft seines Wohnplatzes zu töten. Nachher jedoch, als er schon alt geworden war und nicht mehr die Kraft hatte, Mäuse zu fangen, da dachte er: „In früheren Zeiten, als ich noch jung war, da bin ich fähig gewesen, Mäuse mit Gewalt zu fangen. Aber jetzt, nachdem ich dies nicht mehr tun kann, muß ich irgendeine List anwenden, um aus ihnen eine Mahlzeit zu machen.“ Deshalb begann er die Mäuse heimlich zu beobachten. Durch diese Beobachtungen fand er heraus, daß sich fünfhundert Mäuse bei der Truppe befanden.

An einem Platze, der nicht weit entfernt vom Mauseloch war, begann der Kater mit täuschenden Bussehandlungen, und als die Mäuse hin und her rannten, sahen sie ihn dort stehen mit frommer Miene. Deshalb riefen sie aus weiter Entfernung: „Onkel, was tut ihr da?“ Der Kater antwortete: „Da ich in meiner Jugend viele schlechte Taten begangen habe, tue ich nun Buße, um sie wieder gutzumachen.“ Die Mäuse dachten sich, daß er sein sündenvolles Leben aufgegeben habe, und Vertrauen wuchs in ihnen, das durch diesen Glauben genährt wurde.

Als sie nun jeden Tag, nachdem sie ihre Runde gemacht hatten, in ihr Loch zurückkehrten, ergriff der Kater immer diejenige Maus, die zuletzt kam und verschlang sie. Der Anführer, der sah, daß seine Truppe immer mehr abnahm, dachte: „Es muß irgendeinen Grund dafür geben, daß meine Mäuse ständig an Zahl abnehmen, und dieser Kater streicht dauernd herum.“

Er begann nun den Kater genau zu beobachten. Und als er bemerkte, daß der Kater fett und gut mit Haaren bedeckt war, da dachte er: „Ohne Zweifel hat dieser Kater die Mäuse getötet. Deshalb muß ich diese Sache ans Tageslicht bringen.“ Als er nun sorgfältig von einem versteckten Platze weiter beobachtete, da sah er, wie der Kater die letzte Maus aufaß. Da sprach er aus weiter Entfernung den folgenden Vers: „Da des Onkels Körper immer größer wird, meine Truppe aber im Gegensatz dazu immer kleiner wird und weil derjenige, der Wurzeln und Beeten ißt, nicht fett wird und schön bedeckt mit Haaren ist, so handelt es sich hier nicht um eine edle Buße, sondern nur um eine, die des Gewinnes wegen gepflogen wird. Weil die Zahl der Mäuse sich verringerte, hast du, 0 Angija, geheuchelt.“»

aus „Perlen alttibetischer Literatur“, B.C. Olschak, Birkhäuser Verlag Basel und Stuttgart

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